| In der Mitte der
Brücke von Arno Becker |
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Silvester 1985: Ich gehe die Treppen hinunter in den KJA-Fetenkeller.
Musik aus der damals noch ziemlich jämmerlichen Anlage schlägt mir
entgegen. Vor ein paar Tagen habe ich meine letzte Chemotherapie hinter mich
gebracht, vor einigen Wochen mein Bein amputiert bekommen und körperlich
war ich nach einem halben Jahr im Krankenhaus und ein paar Litern Zellgift
ziemlich am Ende.
Obwohl damals noch eher etwas zu weich für dieses
Leben, war Realismus meine stärkste Seite. Mir war schon damals klar, dass
meine Behinderung wenig Einschränkung mit sich bringt, doch ist mir auf
dieser Sylvesterparty bewusst geworden, dass ich allenfalls eine
"Hautabschürfung" im Vergleich zu anderen Gruppenmitgliedern habe.
Glück gehabt!? Oder auch nicht. Die nächste Zeit musste ich auch
mit meinem Schicksal leben lernen, ohne es übermäßig wichtig zu
nehmen. In den nächsten Jahren ist Brücke-Krücke ein wichtiger
Bestandteil meines Lebens geworden. Das Klima, welches in der Gruppe herrscht,
lässt Raum für eine Entwicklung in die richtige Richtung.
Es gibt
kein Mitleid, Hilfe wird nur dort gegeben, wo es sich nicht vermeiden
lässt oder wo danach gefragt wird. Als Behinderter kommt man nicht in
Versuchung, sich hängen zu lassen, ist im Gegenteil sogar ständig
gefordert.
Als Nichtbehinderter hält man sich nicht in
übertriebener Hilfsbereitschaft auf, sondern bekommt ein Auge für das
Wesentliche. Die Grenzen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten werden
fließend. Unterschiede werden nicht mehr unbedingt wahrgenommen.
Ich wage nicht, zu behaupten, dass dieses System perfekt funktioniert,
aber ich bin davon überzeugt, dass die Gruppe den richtigen Weg geht. Es
geht nicht darum, ob jemand behindert ist oder nicht, schwarz ist oder
weiß, dick oder dünn. Es geht nur darum, etwas für die Gruppe
zu tun, um von ihr etwas zu bekommen.
Wer sich seinen Möglichkeiten
entsprechend engagiert und für gute Stimmung sorgt, hält die Gruppe
am Leben, und das wird honoriert. Wer dazu nicht in der Lage ist - auch egal.
Und wer sich drückt, muss sehen, wo er bleibt.
Wenn ich mir eine Gesellschaft vorstelle, die nach diesen Prinzipien lebt, gäbe es das Wort "Ausländerhass" zum Beispiel gar nicht. Nur eine allgemeine Abneigung gegen Menschen, die sich bewusst distanzieren. Der Charakter ist entscheidend, nicht die Physis.
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Ich habe
mich immer als eine Art Bindeglied gesehen, da ich zwar behindert bin, aber es
kaum mehr auffällt.
Damit habe ich erreicht, was ich wollte. Um mit
unserem Brücke-Krücke-"Logo" zu sprechen: Als Behinderter habe ich
gelernt, so viel wie möglich selber zu machen, egal wieviel Kraft es
kostet, und damit ein paar Schritte in Richtung Nichtbehinderung zu gehen.
Als Nichtbehinderter muss man lernen, das richtige Maß an
Hilfsbereitschaft zu finden und das Wort Mitleid zu vergessen.
Erfahrungsgemäß trifft man sich dann in der Mitte der Brücke.
von
Arno
Becker

