Die Gruppe Brücke-Krücke behinderter und nichtbehinderter Jugendlicher und junger Erwachsener ohne professionelle Betreuer besteht seit 1981 am katholischen Jugendamt in Bonn.
Anzahl gesamt: Insgesamt sind in diesem Projekt etwa 200 "Mitarbeiter" tätig.
davon hauptamtliche: Als hauptamtliche Kraft ist eine halbtags tätige Sozialpädagogin beschäftigt, die allerdings im wesentlich administrative Aufgaben hat. Darüber hinaus ist ein Zivildienstleistender im katholischen Jugendamt für die Gruppe zuständig.
davon ehrenamtliche: Der Rest sind ehrenamtliche Mitarbeiter.
ggf. kurze Erläuterungen zur Personalstruktur: Es besteht erst seit 1994 ein katholischer kirchlich approbierter Förderverein, der Verein Brücke-Krücke e.V., der sich ausschließlich subsidiär versteht und die Bezuschußbarkeit von Veranstaltungen und die Anstellung der hauptamtlichen Mitarbeiterin sicherstellt. Um die institutionelle Anbindung an die katholische Kirche und dabei vor allem ans katholische Jugendamt in Bonn sicherzustellen, ist Vorsitzender des Vereins von Amts wegen der Leiter des katholischen Jugendamts in Bonn. Bis 1992 gab es für die Gruppe keine hauptamtliche Kraft, die Verantwortung lag ausschließlich bei den in der Gruppe engagierten Jugendlichen, die allerdings vom katholischen Jugendamt unterstützt wurden. Die Einstellung der hauptamtlichen Mitarbeiterin erfolgte, um bei den inzwischen umfangreichen administrativen Aufgaben zu entlasten, ohne die Eigenständigkeit des integrativen Ansatzes zu beeinträchtigen.
Ursprünglich organisierte im Jahr der Behinderten 1981 der damalige katholische Stadtjugendseelsorger von Bonn eine Fahrt von behinderten Jugendlichen nach Rom. Anstatt professionelle Betreuer mitzunehmen, lud er nichtbehinderte Jugendliche zumeist aus unterschiedlichen katholischen Jugendgruppen, aber auch evangelische kirchlich engagierte Jugendliche ein. So kam eine Fahrt mit etwa 45 Jugendlichen zustande. Ungeplanterweise waren die Jugendlichen so begeistert von diesem Erlebnis und es ergaben sich so viele Freundschaften, daß man sich nun regelmäßig etwa alle 2 Wochen traf und im darauffolgenden Jahr wieder so eine Fahrt organisieren wollte. Bei dieser Fahrt nach Venedig und Florenz waren ein Drittel der Teilnehmer "Neue". Nach dieser Fahrt beschlossen die Jugendlichen, nun ein regelmäßiges Jahresprogramm zu organisieren. Prinzip war, ganz "normale" Jugendveranstaltungen durchzuführen, die allerdings besonders attraktiv sein sollten. Zu der jetzt "Brücke-Krücke" genannten Gruppe kamen die Jugendlichen nicht vor allem deswegen, weil dort auch Behinderte waren, sondern weil die Veranstaltungen so interessant waren. Dabei lernten sie eher beiläufig auch die behinderten Mitglieder der Gruppe kennen. Oft war es dann gerade diese völlig neue Erfahrung, die sie bei der Gruppe bleiben ließ.
Es gab von vorneherein und gibt bis heute keine eigentliche Mitgliederstruktur: Wer sich engagiert, gehört dazu. Dabei wurde sehr darauf geachtet, daß bei der Aufnahme von "Neuen" keine Auswahl vorgenommen wurde. Es stellte sich nämlich heraus, daß gerade Jugendliche, die von sich heraus nie auf die Idee gekommen wären, sich für Behinderte zu interessieren, die "besten" und engagiertesten Gruppenmitglieder wurden. So gab es auch bei den Behinderungen kein Auswahlkriterium. Alle Behinderungen, ob körperlich oder geistig oder auch psychisch waren möglich und in jedem Ausmaß von Behinderung. Selbstverständlich war auch die religiöse Herkunft der Mitglieder zunehmend unterschiedlich. Der von vorneherein ökumenisch geöffneten Gruppe gehören inzwischen auch Nichtgetaufte an. Dennoch hat sich die Gruppe ein unaufdringliches katholisches Profil bewahrt. Bei Fahrten findet an jedem katholischen Feiertag eine Heilige Messe statt, zumeist vom mitfahrenden katholischen Stadtjugendseelsorger gefeiert. Manche Jugendliche haben durch die Gruppe wieder Zugang zu Christentum und Kirche gefunden. Jedes Jahr findet eine große Jahresfahrt statt, die vor allem für die Integration "Neuer" in die Gruppe geeignet ist. Wir achten darauf, daß jedesmal etwa ein Drittel "Neue" dabei sind. Bei den Jahresfahrten wird außerdem immer versucht, etwas Besonderes zu organisieren. Behinderte haben in der Gesellschaft immer noch viele Nachteile. In dieser Gruppe soll Behinderung auch als "Vorteil" erlebt werden können. So konnten u.a. über verschiedene bischöfliche Generalvikariate immer wieder Sonderveranstaltungen organisiert werden. Hl. Messen allein für die Gruppe in Notre Dame de Paris, im Straßburger Münster, in San Marco in Venedig etc. Kostenlose Busse in Florenz oder Rom, ein kostenloses Boot in Venedig. Sonderführungen allein in der Sixtinischen Kapelle in Rom oder an vielen Orten in Israel. Empfang durch den ökumenischen Patriarchen in Istanbul und durch die Gattin des türkischen Ministerpräsidenten, großzügige Hilfe durch die evangelische Kirche in Schweden, fast kostenloser Besuch von Figaros Hochzeit in der Münchner Staatsoper, eines Westernhagen-Konzerts oder eines Fußballspiels des 1.Fc. Köln (damals noch Bundesliga) und vieles andere mehr. Wir haben in dieser Gruppe ein beeindruckendes Maß an Hilfsbereitschaft erlebt, man muß manchmal nur nachdrücklich fragen. Insbesondere erleben die Jugendlichen die christlichen Kirchen stets als hilfreich.
Da bei der ersten Fahrt in Rom alles nicht behindertengerecht war, die Unterkunft, der Bus etc., sich aber herausstellte, daß gerade das eine besondere Herausforderung für die Jugendlichen war, benötigt die Gruppe bis heute keine behindertengerechten Einrichtungen, übernachtet z.B. in normalen Jugendherbergen und fährt in normalen Bussen. Das heißt nicht, daß man etwas gegen behindertengerechte Einrichtungen hat, es ist vielmehr eine wichtige Ergänzung. Aber es ist für viele Behinderte ein eindrucksvolles Erlebnis, in dieser Gruppe sozusagen nicht "behindert" zu sein. So hat die Gruppe eine Erstbesteigung des nicht sehr behindertengerechten "Schiefen Turms" von Pisa mit Rollstühlen veranstaltet und eine Besteigung der Peterskuppel in Rom ebenfalls mit Rollstühlen. Immer wenn die Gruppe von nicht behindertengerechten Verhältnissen hört, ist es ihr Ehrgeiz, "es" dennoch zu schaffen. Das hindert die Gruppe aber nicht daran, z.B. in der Vorweihnachtszeit einen vielbeachteten Test bei Bonner Geschäften auf Rollstuhltauglichkeit zu veranstalten.
In der Gruppe gibt es keine "Betreuer". Die Behinderten betreuen die Nichtbehinderten und die Nichtbehinderten betreuen die Behinderten. Der Status behindert oder nichtbehindert ist allenfalls für Eintrittsermäßigungen wichtig. Darüber hinaus achten wir bei den Jahresfahrten bloß darauf, daß etwas mehr als die Hälfte der Jugendlichen nicht behindert sind, damit die gegenseitige Hilfe etwas Spielerisches behält und nicht in Arbeit ausartet. Diese Verhältniszahl hat sich über die Jahre bewährt. Darüber hinaus wird aber nichts Betreuungsartiges organisiert. Wer sich für wen und was zuständig fühlt, das ergibt sich erstaunlicherweise von selbst. Was für die Behinderten zu tun ist, sagen zumeist die Behinderten selbst oder es ergibt sich. Zwar kommt die Hilfe dann manchmal nicht sofort und perfekt organisiert. Aber wir halten es für wichtig, daß in dieser Gruppe die Behinderten erleben, daß ihnen hier nicht aus professioneller oder Angehörigen-pflicht geholfen wird, sondern aus Freundschaft. Wir sind uns dabei voll bewußt, daß der wichtige Einsatz von Angehörigen und auch von Professionellen dringend erforderlich ist, wir glauben nur, daß "Brücke-Krücke" eine wichtige Ergänzung ist. So ist unser Kontakt mit Angehörigen-Initiativen wie "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen" und professionellen Einrichtungen sehr gut.
Die Bindungskraft der Gruppe ist erheblich dauerhafter als bei anderen Jugendgruppen. So gibt es viele Jugendliche, die jetzt junge Erwachsene sind und immer noch seit den ersten Jahren sporadisch zur Gruppe kommen. Um diesem Bedürfnis zu genügen wurde 1990 eine sogenannte "Grufti-Gruppe" innerhalb der Gruppe Brücke-Krücke gegründet. Diese ganz natürlich aus der Gruppe entstandene Untergruppe ist deswegen besonders wertvoll, weil es gerade für die jüngeren Erwachsenen und Erwachsenen so gut wie keine Integrationsangebote gibt - in der Jugend und im Alter ist das einfacher. Daß zur Gruppe also auch junge Familien mit Kindern kommen, ist ein in derartigen Gruppen ganz ungewöhnliches Phänomen.
Darüber hinaus wurde aus der Gruppe das Bedürfnis geäußert, eine integrative Wohngemeinschaft nach den Prinzipien von "Brücke-Krücke" ohne professionelle Betreuer zu gründen. Dieses Projekt konnte 1991 realisiert werden. Wie uns gesagt wurde, ist es das einzige derartige Projekt in Deutschland.
Mehrere hundert Jugendliche sind inzwischen durch die Gruppe gegangen. Besonders eindrucksvoll ist, daß es sich dabei um ganz "normale" Jugendliche handelt, nicht um die sonst bei kirchlichen Gruppen üblichen Jugendlichen aus der Mittelschicht. Jeder zählt in der Gruppe, auch derjenige, der eher Rollstühle reparieren kann und weniger zur Meditation neigt. Die Jugendliche erleben in der Gruppe ganz selbstverständlich, daß sie selbst verantwortlich sind, und sie erleben, daß Anderssein eine Bereicherung sein kann. Sie erleben in dieser Gruppe etwas in sich Sinnvolles. Das alles macht ganz offenbar die Attraktivität der Gruppe aus. Wir glauben, daß Jugendliche in dieser Gruppe Toleranz und Engagement für den Nächsten ganz selbstverständlich lernen, aber auch, was Christentum ganz praktisch bedeuten kann. Wir glauben, daß Jugendliche, die diese Gruppe besucht haben, nicht gewalttätig oder süchtig werden, da sie Sinn und Mitmenschlichkeit erleben, ohne daß darüber theoretisch geredet werden muß. Zwar sollen keine Professionelle in die Gruppe eintreten, aber im Laufe der Jahre hat sich gezeigt, daß viele Mitglieder der Gruppe (heil-)pädagogische und soziale Berufe ergreifen und die integrativen Impulse der Gruppe Brücke-Krücke dann in ihr berufliches Umfeld einbringen.
Die Gruppe hat vielfache Anerkennung gefunden. 1987 erhielt sie den Preis für bürgerschaftliche Selbsthilfe der Stadt Bonn. 1990 wurde in der ARD ein halbstündiger Film über die Gruppe gezeigt mit dem Titel "Chaos im Rollstuhl - Erfahrungen mit einer ungewöhnlichen Jugendgruppe". Nach diesem Film kam es auch zu Kontakten mit anderen Gruppen, die vom Ansatz der Gruppe lernen wollten. Die Gruppe wird auch in den lokalen Medien immer wieder erwähnt, was wichtig ist, um den integrativen Gedanken publik zu machen.
Die Finanzierung der Gruppe ist immer wieder ein großes Problem, da sie durch alle übliche Förderungsraster fällt. Einerseits fallen keine eigentlichen "Betreuungskosten" an, da die Gruppe sozusagen aus Prinzip nicht betreut. Andererseits reicht die normale Förderung für Jugendgruppen nicht aus, da zwar keine behindertengerechten Einrichtungen und Busse gebraucht werden, aber doch z.B. ein normaler Bus häufiger. Wenn man keine zusätzlichen Förderungen bekäme, würde das im Endeffekt bedeuten, daß ein nichtbehinderter Jugendlicher für eine Fahrt mit Behinderten mehr bezahlen müßte, als wenn er nur mit Nichtbehinderten wegfahren würde. Denn Behinderte und Nichtbehinderte zahlen in der Gruppe selbstverständlich bei Fahrten den gleichen Teilnehmerbeitrag. Ein solcher Effekt wäre natürlich absurd, so daß wir immer wieder zusätzliche Geldquellen erschließen mußten: seien es Stiftungsmittel, Spenden, kirchliche Zusatzförderungen etc. Auf diesem Hintergrund wäre der Preis für die Gruppe sicher nicht nur eine Ermutigung, sondern auch eine ganz konkrete Hilfe.
Es ist eine integrative Gruppe von behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen ohne professionelle Betreuer, die sich sozusagen selbst steuert und deren Prinzipien nicht von irgendjemandem "erfunden" wurden, sondern sich aus einer gelingenden Praxis ergeben haben. Es ist dabei gelungen, das ehrenamtliche Engagement nach wie vor als vorrangig durchzuhalten. Die hauptamtliche Tätigkeit ist prinzipiell subsidiär und vorwiegend administrativ. Wer sich in der Gruppe engagiert, hat auch etwas zu sagen. Das Programm beschließen, bestimmen und organisieren die Jugendlichen selber, ob behindert oder nichtbehindert, ist dabei selbstverständlich völlig egal. Die Gruppe macht für junge Menschen erlebbar, daß Behinderung oft auch eine Fähigkeit sein kann. Das Normalitätsprinzip wird hier ganz selbstverständlich gelebt und Behinderung wird allenfalls als Besonderheit genutzt.
Das bewußt Unorganisierte der Gruppe führt dazu, daß Behinderte sich hier niemals als "Organisationsproblem" erleben, sondern immer selbst als Mit-Organisatoren und wenn sie Hilfe erfahren, dann aus Freundschaft, aus der sie auch selbst das Ihrige zur Gruppe beitragen.
Innovativ ist darüber hinaus insbesondere die "Grufti-Gruppe", da es normalerweise fast nicht möglich ist, Integration zwischen Behinderten und Nichtbehinderten im Jungfamilienalter zu erreichen. So ist diese Gruppe für einige de fakto geradezu zu einer Art Lebensbegleitung geworden.
Innovativ ist außerdem die integrative Wohngemeinschaft der Gruppe, die ohne professionelle Betreuung seit 8 Jahren funktioniert und in dieser Form, wie man uns sagte, in Deutschland einmalig ist.
Die Gruppe ist für gewisse Institutionen durch ihre Unstrukturiertheit und Vitalität immer wieder eine heilsame Provokation, da sie in kein Raster passt, aber dennoch als sinnvoll und geradezu notwendig erlebt wird.
Die Gruppe wirkt ganz selbstverständlich ökumenisch, da die ganze Praxis der Gruppe von dem in sich sinnvollen Tun her bestimmt wird, das sonstige Unterschiede nicht so in den Vordergrund stellt, wobei der gemeinsame Gottesdienst das christliche Profil dennoch deutlich macht. Sie wirkt darüber hinaus auch auf nichtchristliche Jugendliche einladend. Auf eine solche Weise das Christentum in unserer Gesellschaft plausibel zu machen und zu halten, dafür ist diese Gruppe eine besondere Chance. Das bewußt christliche Profil trägt schließlich auch dazu bei, daß diese Gruppe eben keine "Behindertengruppe" ist, sondern eine unter vielen christlichen Jugendgruppen. Das ist für das ganz selbstverständlich integrative Konzept der Gruppe von großer Bedeutung.
Wir sind der Überzeugung, daß eine solche Gruppe in jeder Stadt möglich wäre. Man braucht dazu keinerlei Fachkenntnisse - die sind oft sogar eher schädlich - man braucht etwas Engagement und vielleicht noch etwas Mut, den man aber bekommen kann, wenn man weiß, daß so etwas problemlos funktioniert. Im Grunde hätte jede kirchliche Jugendarbeit ja sogar die Pflicht, so etwas zu organisieren, denn kirchliche Jugendarbeit muß prinzipiell auch für behinderte Jugendliche zur Verfügung stehen. Es sind oft unbegründete Ängste und vor allem die Befürchtung, "sich nicht auszukennen", die viele davon abhalten - völlig zu unrecht, wie wir nach fast 20-jähriger Erfahrung glauben. Wir würden eine mögliche Preisverleihung vor allem auch als Möglichkeit sehen, diesen heilsam provozierenden Gedanken weiter zu verbreiten und vielen behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen den Weg aus ihrem jeweiligen Ghetto zu ermöglichen.
25.10.1999
Dr. Manfred
Lütz
anläßlich der Teilnahme am
Sozialpreis 99